Schermbeck 1945 – Teil IV –

von Hermann Lewerenz Wesel, Oktober 2007

Wie Du sicher merkst, ist das Geschriebene nicht temporal exakt gegliedert, sondern so, wie es mir aus meinem „Gehirnkasterl“ rausgelassen wurde.

(Mal eine Anmerkung des Admins und Schreibers: Ich schreibe diese 15seitigen (!) Erinnerungen auch genau so ab, wie sie hier auf dem Papier, vor mir liegend, stehen. Und ich mag gar nicht daran denken was der Autor damals so mitgemacht hat. Diese 15 Seiten sind an einem Wochenende entstanden !Ich gab den Anstoss an einem Freitag nachmittag, bekam die erste Zwischenmeldung am Samstag morgen, die Fertigstellungsmeldung am Sonntag mittag – mir fehlten und fehlen auch jetzt noch die Worte.)

Am Ostertag hatten wir schönes Wetter, Bilderbuchwetter, wir Kinder sollten Eier suchen, schon Tage vorher rätselte man über die Farben. Bei uns war noch eine Russin die als Hilfsmagd arbeitete. Die wußte was von Zwiebelschalen in heißem Wasser, kurz drin war Gelb, lang im Wasser war ein helles Braun. Irgendeine von den „Horstkamp Mädchen“, die aus Spellen hierher evakuiert waren, wohl Verwandte (?) der Familie Friem, hatte eine kleine Flasche roter Tinte. Dann war da noch was mit Grün und Blau. Einige Zuckerbonbons waren irgendwie da. Dieses wurde nun versteckt, ein wahres Abenteuer das. Mein Bruder fand sie unter einer Grassode ! Na ja, Eier hatten wir ja noch, im Tausch gegen Zucker und Graubrot aus der Rationierung die so langsam wieder in Gang kam.

Und immer noch das Getöse der Bomber über uns. Der Ruhrkessel war ja nun schon geknackt, was wollten die da noch zerschlagen ? Die Jeeps der MP fuhren sehr oft auf die Höfe um nach „Nazis“ zu suchen. Was wußten wir schon von“Nazis“ ? Auch kamen die GI´s wohl auch nach frischer Milch und frischen Eiern zu fragen. Sie waren das Pulverzeug wohl leid, wie ich aus einem der Bücher vierzig Jahre später von Simmel entnahm. Da schnappten wir nach und nach einige Brocken Englisch auf.

Und immer noch die fliegenden Festungen mit ihrem nervtötenden Gedröhne über uns, flogen die weiter bis Russland ? So wurden wenigstens die Gerüchte zu uns getragen. Dann kamen öfters die Russen und Polen um zu plündern, öfters war´s wohl sehr haarig. Vor allem für die jungen Mütter und Mädchen. Aber da hatten wir dann Oma Friem, so um die 70 – 80 Jahre alt, erfahren durch drei Kriege, 70-71, 14-18, die Unruhen des Kapp-Putsches oder der Spartakistenhorden nach der Novemberrevolution, die wußte alles zu regeln. „Alles reine Nervensache, nee ?“ Die alte Dame hatte uns alle ganz schön unter Fuchtel.

Am 1.Mai 45 flatterte schon eine rote Fahne von dem grösseren Schornstein. Am 6.Mai hatte Mutti Geburtstag, da konnten wir schon wieder eine kleine bunte Glasvase beim Gärtner Stricker kaufen. Mit einigen Tulpen ! Mann, machten wir Wege zu Fuss ! Fahrräder gab es damals nicht, alle geklaut. Später fanden wir die Reste dieser und bastelten neue daraus, recht abenteuerlich bereift, mit Gartenschläuchen oder Treibriemen von Autos. Die fuhren ja noch nicht wieder herum alle beschlagnahmt.

– wird fortgesetzt –

Gliders landing

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Landing ?

Das waren eher mühsam gesteuerte Abstürze in eine Landezone, in der schon jede Menge von den Seglern rumlagen. Man kann sich den Bruch und die vielen Toten dabei wohl vorstellen, wenn sie nicht vorher schon von den Flak´s und Maschinengewehrnestern „runtergeholt“ wurden. Man soll sich bitte nicht vorstellen, das es hier keine deutschen Soldaten mehr gab. Wenn auch durchaus in Auflösung begriffen „wehrten“ sich die letzen lange und zäh. Sehr auch zum Verhängnis der armen „Schweine“, die an ihren Fallschirmen runterkamen. Das hat dann auch den besonderen Groll der Alliierten ausgemacht, die beim Aufspüren einiger dieser Nester überlieferterweise keine Gefangenen mehr gemacht haben.

Schermbeck 1945 – Teil III –

von Hermann Lewerenz

Wesel, Oktober 2007

Schnell wird auch unser Hof besetzt, selbst im Hühnerstall wurde nach unseren Jungens gesucht. Alles, was nach Bewaffnung aussah, wurde rigoros zerbrochen, selbst die unschuldigen Holzgewehre von dem Schützenverein „Bricht“. Musste schon eine Menge „Schiss“ haben, die Jungens aus L.A., Oklahoma, Texas oder New York, vor den „Nazis“. Bei uns wurden alle Nachbarn zusammengetrieben, wohl so 50 oder 60 Leute, von MP Leuten, alle bewaffnet.

Eigentlich nette Leute, diese „Feinde“ ! Das erste Englisch was ich hörte war: „Oh, in this house is a Baby!“ Die waren ganz rattig nach unserer kleinen Renate. War ja auch ein Wonneproppen. Sie schrie auch gar nicht so wie Erika die immer sehr zerrechlich wirkte und oft ihre Nahrung nicht bei sich behalten konnte. Ob sie sich im Mutterleib auf diese doch sehr fiese Zeit vorbereitet hatte ? Ob so ein Embryo mehr mitbekommt als wir alle so denken ?

Ach so ja, im Haus wohnten wir dann mit vier Familien, davon zehn (!) Kinder und so acht bis neun Erwachsenen. Die mussten alle essen ! Milch war ja da, Eier und Kartoffeln sowie Dörrgemüse, Sauerkraut, Schnibbelbohnen, Mehl, Grütze. Die lebensmittelmarken wurden zusammen verwaltet. Irgendwie klappte es ja auch eine zeitlang, dann begannen aber auch die ersten Reibereien in der Enge des Zusammenseins. Wie sat man heute ? „Zickenalarm“ ?

Die Amerikaner und Kanadier rochen so anders als unsere, waren ja wohl auch besser genährt, irgendwie auch sauberer. Da hab ich auch zum ersten Male Kaugummi kennengelernt. Unsere sehr zarte Annemarie, mit Ihren goldenen Locken, war „everybodys“ Liebling. Sie bekam den ersten. Natürlich schluckte sie ihn herunter. Mit Engelsgeduld versuchte der GI ihr es beizubringen. Irgendwann konnten wir es alle.

Und immer noch wälzte sich der Herrwurm der Alliierten den Waldweg entlang über uns am Himmel das Dröhnen der Bomber. Was wollten die denn noch zerstören ? War denn nicht schon alles umgepflügt ? So wie bei uns wird es wohl überall gewesen sein. Und endlich ein wenig freier atmen zu können. Ohne Angst vor dem Terror und psychischem Druck ! Selbst ich als achtjähriger spürte es. Mit acht und immer noch gespeichert, wie kann das ? Ich glaube der liebe Jörg hat das wohl alles losgekitztelt. Nun ja, ich werde noch einiges zu erzählen haben.

Was noch so da ist, im Speicher: Überall lagen die Trümmer und Hinterlassenschaften einer total geschlagenen Armee (Armeen (?), waren es doch noch etwa zehn Millionen (!) arme, geschlagene, von den „Propheten“ der Nation, dem „Heilbringer des tausendjährigen Reiches“ das nun nach schon nur 13 Jahren des Wahnsinns ins absolute Chaos geführte war,) herum. Für uns neugierige Knaben zu verführerischem Spielzeug mutiert, das gar manchen in den Tod riss oder blind werden lies. Aber die Vorsicht lies uns manche Sache heil überstehen, da die jungen Sodaten, die oft noch Teenies waren, uns die Funktion der „Riesenspielzeuge“ ja exakt erklärt hatten. Waren es nun Pistolen, Karabiner, Handgranaten, Panzerfäuste, ja selbst die großen Kartuschen der großen Feldgeschütze, wir acht bis zehnjährigen wußten meist genau wie man damit umzugehen hatte. Die amerikanischen Soldaten, auch noch wohl oft sehr jung, fragten uns sogar manchmal, welchen Unsinn man damit wohl machen konnte. Nun, wir zeigten es Ihnen, zwiespältig oft, da ja selbst uns kleinen eingeimpft war dass sie ja unsere „Feinde und Besieger“ waren. Hat uns manchal eine „Maulschelle“ oder Tracht Prügel eingebracht, aber Besserung ? Nee !

Die Versuchung war ja nun da, jeden Tag, überall. Jeder von unserem „Rudel“ in Schermbeck wusste zudem mal wieder was neues, wie man zum Beispiel mit Handgranaten im Teich fischen konnte. Anstatt das der von den überall herumstreunenden Zivilgefangenen, die nun frei, dem Joch der Sklaverei entronnen, geplündert wurde. So manches Mädchen, daß nicht auf der Hut war verlor auch so Ihre Unschuld. Ich erinnere mich der Dramen danach. In manchen Familien, zumal noch „überchristlich“ eingestellt waren die armen Dinger „der Sünde verfallen“. War für Leute ! So manch ein Suizid, am Strick, im Wasser, mit Gift hat da stattgefunden, oft totgeschwiegen. Oder es war nur ein Wispern zu hören, öfters auch üble offene Nachreden. Musste denn diese Menschen auch oft alles noch grausamer machen ? Manches haben wir Kinder auch gar nicht mitbekommen, man stoppte jedes Gespräch wenn die ernsten Themen im Gange waren bei unserem kommen.

Und plötzlich waren die Kirchen wieder voll, sie waren ja niemals dabei, damals, 1933, als sie ihre Kreuzchen auf dem Stimmzettel gemacht haben. Wo waren die Abzeichen, Uniformen, Ehrenurkunden wohl hingekommen ? Muss ich dir, Jörg, wohl auch nicht erzählen. Ich weiss nur noch, daß da ein Ruinengrundstück an der Kirchstrasse war. Da stand irgendwie die „Judenschule“. Muss damals ganz voll gewesen sein, diese Gasse, als die Brände in das Gebäude geschleudert wurden. Was wußten wir Kinder von diesen Machenschaften, obwohl uns die Propaganda stets berieselte, durchs Radio, in den Zeitungen. Trotzdem, den Atheismus in unser kleines Dorf zu bringen war Berlin nicht möglich ! Hat wohl der „Löwe von Münster“, Graf von Gahlen, damals Bischof und eine „Stimme in der Wüste“ viel geleistet ! Schermbeck hat zu diesem Bistum, das war Münsterland, gehört. Tapfer dieser Mann. Für mich und mein Gefühl einer der ehrlichsten Christen überhaupt, so mutig …

– wird fortgesetzt –