Schermbeck 1945 – Teil I –

von Hermann Lewerenz

Wesel, Oktober 2007

Da treffe ich mich mit Joerg Liebe, der mich fragt, ob ich mich an noch was erinnere, 1945 und so. Wir hatten mal darüber gesprochen, was so los war im Frühjahr damals, in den Wirren und Schrecken. Er hat wohl durch seinen Vater von den Ereignissen erfahren, damals, 1945 im Frühjahr.

Schönes Wetter war, die „Jabos“, amerikanische „Mustangs“, machten Jagd auf alles, was sich bewegte. Meine Mutter, die uns immer warnte, wenn wir die auch nur von Ferne hörten, in Deckung zu gehen, war damals im 9. Monat schwanger mit meiner jüngsten Schwester. Außerdem waren da noch 5 Kinder, Vater war „im Feld“ wie man damals so sagte. Wir älteren, mein Bruder Dietmar und ich, waren mit eingebunden was so die Versorgung der Familie betraf. Hühner füttern, Kaninchen und Gänse versorgen, das Schwein mußte auch versorgt werden alles so selbstverständlich von uns erwartet und auch getan. Ob immer willig oder nicht weiß ich nicht mehr so genau.

Wir wohnten an der heutigen Ziegelei Nelskamp in Schermbeck, die auch ab und zu Ziel dieser fliegenden Pest war. Sonntags machten die Piloten sich anscheinend immer einen Sport daraus, die Schornsteine mit ihren Raketen-Bomben umzulegen, was nur selten gelang. War eben sehr stabil gebaut das Gemäuer. Aber Schiss hatten wir alle Male vor diesen Fliegern.

Einmal, 1. Januar 1945, lag ein bisschen Schnee. Wir holten natürlich unsere Schlitten raus und rodelten von so einer schiefen Ebene. Die wir zusätzlich noch, mit allem Schnee den wir greifen konnten, „aufgemotzt“ hatten. Plötzlich schrie einer „Deckung, Jabos“ ! Wir ab in den nächsten Graben oder in eines der Einmannlöcher, da knatterte auch schon die „Sch….“ aus den Bordkanonen auf uns runter. Zwei oder drei dieser Raketen-Bomben flogen uns auch um die Ohren und krachten in nächster Nähe ein. Mann, was hatten wir Schiss. Noch heute weiss ich wie der roch, der Sprengstoff. Die Fetzen flogen nur so um uns herum. Passiert ? Wir waren alle noch heil. Nur ein Schaf hatte es erwischt. Uns aber zitterte alle Knochen und es war uns schlecht. Einer schrie „Mama, die sind alle kaputt! Hilfe Hilfe Mein Gott im Himmel, warum dürfen die dat ?“ Manfred Spahn war das. Unsere Mutter, mit ihrem prallen Babybauch, kam auf uns zugerannt und klatschte uns erstmal eine „Watschen“ um uns dann in den Arm zu nehmen. Was hatten die Mütter damals zu ertragen. Erst heute weiß ich, wer die Helden dieser grauenvollen Zeit waren.

Schule ? Gab es noch provisorisch, zum Teil auch gar nicht mehr.

Tag und Nacht die englischen und amerikanischen Bomber, hunderte, tausende, in großer Höhe in riesigen Formationen. Ab und zu wurde einer mal abgeschossen und stürzte mit wildem Heulen herunter um auf den Feldern oder in den Forsten zu zerbersten. Wobei die Bombenlast natürlich hochging. Im Februar 1945 die Angriffe auf Wesel und Dorsten, selbst bei uns gingen viele Scheiben entzwei. Wesel und Dorsten waren platt, im nahen Ruhrgebiet wohl auch alles.

– wird fortgesetzt –

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