Schermbeck 1945 – Teil II –

von Hermann Lewerenz

Wesel, Oktober 2007

Dann, am 23. März, flog von so einem Geschwader so ein Rauchzeichen über Schermbeck herunter. Kurze Zeit später kam der erste Angriff, dann der zweite. Unser kleines Dorf auch platt und das Inferno der Flammen. Wir hatten Ostwind und der trieb uns die Rußpartikel, zu Asche verbranntes Papier und vor allem den grauenvollen Geruch von verbranntem Fleisch zu. Ich weiß nicht genau wie viele Leute umkamen. Von zwei Bekannten weiß ich jetzt, da mir Friedel Stricker, ein Heimatforscher, Auskunft gab. Und von einigen Soldaten und von den „Hiwis“, Russen zumeist. Und natürlich auch jede Menge Vieh, da unser Dorf ein „Acker – Bürger Dorf“ war.

Und, so ich erinnere, doch eine Reihe von Familien, einige Kühe, vielleicht ein Pferd sowie Klein- und Federvieh. Zum Teil kenn ich sie sogar noch mit Namen: Küpper, Rittmann-Paschen, Ridder, Prinne. Also so einigermaßen noch visuell in mir gespeichert, wie man heute so schön sagt. Zum Teil waren es Selbstversorger mit größeren oder kleineren Acker- und Wiesenflächen.

Nachts am 23. März, wurden wir, Mutter und 5 1/2 Kinder von der Ziegelei zu einem Bauernhof in Bricht zu einer befreundeten Familie mit dem nötigsten gebracht. Es war die Nacht der Rhine Occupation der Amis, Engländer und Kandier. Die am unteren Niederrhein über unseren „Schicksals-Strom“ mit unvergleichlich hohem Materialaufwand und dem Dauerbeschuss von, dem sagen nach, 6 – 7 tausend (!) Geschützen, jeder Menge von Flugzeugunterstützung sowie unzähligen Lastenseglern den Angriff begannen.

Welch Einsatz !

Ich weiss es deshalb so genau, weil in jener Nacht unsere Renate geboren wurde, unsere Jüngste im 6er Reigen. Wie hatte Mutti das alles nur bewältigt ?

An den Tagen danach drangen die Gefechte in Bricht und im Weseler Wald mit viel Getöse zu uns herüber. Wir waren fast nur im Keller, einige Landser waren bei uns und, so erinnere ich mich, ließen verlauten was zu tun sei. Bloss dableiben, eine weiße Fahne (Bettlaken) an einer Bohnenstange aus der westlichen Dachluke zeigen. Außerdem eine Liste aller Bewohner mit Namen, Geburtstag und so (Beruf wohl auch) sichtbar an einer Tür anbringen. Dann war bei uns ein verwundeter Landser mit Bauchschuss im Keller, der auch sagte, daß wir uns ruhig verhalten sollen und den Besatzern, eben dem Feind, ruhig alle Fragen beantworten sollen. Das meiste wüßten die ja sowieso.

Dann am Tage, endlose Schlangen unserer geschlagenen Jungens, eine graue Masse, fast Geisterhaft still, fast wie Geister schien es mir. Vielleicht war auch die niedergedrückte Stimmung der Grund dafür. Ab und zu war in der grauen Masse ein Sani-Auto, ein Transporter zu sehen, endlos lang erschien es mir. Wo kamen die bloß alle her, auf dem schmalen Waldweg ? (So heißt er heute immer noch, inzwischen asphaltiert, damals ein Wirtschaftsweg, rot von den Ziegelscherben mit denen er befestigt war) Danach gespenstige Stille, nur unterbrochen von dem „Gemuhe“ der Kühe, dem Gegackere der Hühner und dem Schnattern der Gänse !

Und dann kamen Sie, unsere Befreier, der Himmel schwarz (oder besser silbern) von den zwei- und viermotorigen Bombern, begleitet von den Spitfires der Briten und Jagdbomber der Yankies, Mustangs wohl. Auf dem Weg die Shermans als Speerspitze, ss dröhnte nur so, danach Fahrzeug um Fahrzeug, in olivgrün mit dem weißen Stern (im Kreis ? ich weiß es nicht mehr genau). Stundenlang ! Der typische Abgasgeruch schwebte über uns alle, so ganz anders als der beißende Geruch der Holzvergaser dazwischen die GI´s mit dem Sturmgewehr in der Armbeuge, nach allen Seiten sichernd.

– wird fortgesetzt –

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