Schermbeck 1945 – Teil III –

von Hermann Lewerenz

Wesel, Oktober 2007

Schnell wird auch unser Hof besetzt, selbst im Hühnerstall wurde nach unseren Jungens gesucht. Alles, was nach Bewaffnung aussah, wurde rigoros zerbrochen, selbst die unschuldigen Holzgewehre von dem Schützenverein „Bricht“. Musste schon eine Menge „Schiss“ haben, die Jungens aus L.A., Oklahoma, Texas oder New York, vor den „Nazis“. Bei uns wurden alle Nachbarn zusammengetrieben, wohl so 50 oder 60 Leute, von MP Leuten, alle bewaffnet.

Eigentlich nette Leute, diese „Feinde“ ! Das erste Englisch was ich hörte war: „Oh, in this house is a Baby!“ Die waren ganz rattig nach unserer kleinen Renate. War ja auch ein Wonneproppen. Sie schrie auch gar nicht so wie Erika die immer sehr zerrechlich wirkte und oft ihre Nahrung nicht bei sich behalten konnte. Ob sie sich im Mutterleib auf diese doch sehr fiese Zeit vorbereitet hatte ? Ob so ein Embryo mehr mitbekommt als wir alle so denken ?

Ach so ja, im Haus wohnten wir dann mit vier Familien, davon zehn (!) Kinder und so acht bis neun Erwachsenen. Die mussten alle essen ! Milch war ja da, Eier und Kartoffeln sowie Dörrgemüse, Sauerkraut, Schnibbelbohnen, Mehl, Grütze. Die lebensmittelmarken wurden zusammen verwaltet. Irgendwie klappte es ja auch eine zeitlang, dann begannen aber auch die ersten Reibereien in der Enge des Zusammenseins. Wie sat man heute ? „Zickenalarm“ ?

Die Amerikaner und Kanadier rochen so anders als unsere, waren ja wohl auch besser genährt, irgendwie auch sauberer. Da hab ich auch zum ersten Male Kaugummi kennengelernt. Unsere sehr zarte Annemarie, mit Ihren goldenen Locken, war „everybodys“ Liebling. Sie bekam den ersten. Natürlich schluckte sie ihn herunter. Mit Engelsgeduld versuchte der GI ihr es beizubringen. Irgendwann konnten wir es alle.

Und immer noch wälzte sich der Herrwurm der Alliierten den Waldweg entlang über uns am Himmel das Dröhnen der Bomber. Was wollten die denn noch zerstören ? War denn nicht schon alles umgepflügt ? So wie bei uns wird es wohl überall gewesen sein. Und endlich ein wenig freier atmen zu können. Ohne Angst vor dem Terror und psychischem Druck ! Selbst ich als achtjähriger spürte es. Mit acht und immer noch gespeichert, wie kann das ? Ich glaube der liebe Jörg hat das wohl alles losgekitztelt. Nun ja, ich werde noch einiges zu erzählen haben.

Was noch so da ist, im Speicher: Überall lagen die Trümmer und Hinterlassenschaften einer total geschlagenen Armee (Armeen (?), waren es doch noch etwa zehn Millionen (!) arme, geschlagene, von den „Propheten“ der Nation, dem „Heilbringer des tausendjährigen Reiches“ das nun nach schon nur 13 Jahren des Wahnsinns ins absolute Chaos geführte war,) herum. Für uns neugierige Knaben zu verführerischem Spielzeug mutiert, das gar manchen in den Tod riss oder blind werden lies. Aber die Vorsicht lies uns manche Sache heil überstehen, da die jungen Sodaten, die oft noch Teenies waren, uns die Funktion der „Riesenspielzeuge“ ja exakt erklärt hatten. Waren es nun Pistolen, Karabiner, Handgranaten, Panzerfäuste, ja selbst die großen Kartuschen der großen Feldgeschütze, wir acht bis zehnjährigen wußten meist genau wie man damit umzugehen hatte. Die amerikanischen Soldaten, auch noch wohl oft sehr jung, fragten uns sogar manchmal, welchen Unsinn man damit wohl machen konnte. Nun, wir zeigten es Ihnen, zwiespältig oft, da ja selbst uns kleinen eingeimpft war dass sie ja unsere „Feinde und Besieger“ waren. Hat uns manchal eine „Maulschelle“ oder Tracht Prügel eingebracht, aber Besserung ? Nee !

Die Versuchung war ja nun da, jeden Tag, überall. Jeder von unserem „Rudel“ in Schermbeck wusste zudem mal wieder was neues, wie man zum Beispiel mit Handgranaten im Teich fischen konnte. Anstatt das der von den überall herumstreunenden Zivilgefangenen, die nun frei, dem Joch der Sklaverei entronnen, geplündert wurde. So manches Mädchen, daß nicht auf der Hut war verlor auch so Ihre Unschuld. Ich erinnere mich der Dramen danach. In manchen Familien, zumal noch „überchristlich“ eingestellt waren die armen Dinger „der Sünde verfallen“. War für Leute ! So manch ein Suizid, am Strick, im Wasser, mit Gift hat da stattgefunden, oft totgeschwiegen. Oder es war nur ein Wispern zu hören, öfters auch üble offene Nachreden. Musste denn diese Menschen auch oft alles noch grausamer machen ? Manches haben wir Kinder auch gar nicht mitbekommen, man stoppte jedes Gespräch wenn die ernsten Themen im Gange waren bei unserem kommen.

Und plötzlich waren die Kirchen wieder voll, sie waren ja niemals dabei, damals, 1933, als sie ihre Kreuzchen auf dem Stimmzettel gemacht haben. Wo waren die Abzeichen, Uniformen, Ehrenurkunden wohl hingekommen ? Muss ich dir, Jörg, wohl auch nicht erzählen. Ich weiss nur noch, daß da ein Ruinengrundstück an der Kirchstrasse war. Da stand irgendwie die „Judenschule“. Muss damals ganz voll gewesen sein, diese Gasse, als die Brände in das Gebäude geschleudert wurden. Was wußten wir Kinder von diesen Machenschaften, obwohl uns die Propaganda stets berieselte, durchs Radio, in den Zeitungen. Trotzdem, den Atheismus in unser kleines Dorf zu bringen war Berlin nicht möglich ! Hat wohl der „Löwe von Münster“, Graf von Gahlen, damals Bischof und eine „Stimme in der Wüste“ viel geleistet ! Schermbeck hat zu diesem Bistum, das war Münsterland, gehört. Tapfer dieser Mann. Für mich und mein Gefühl einer der ehrlichsten Christen überhaupt, so mutig …

– wird fortgesetzt –

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